Medizin und T.C.M.

Es ist heute üblich geworden zwei Arten von Medizinsystemen zu unterscheiden, die jeweils mit ambivalenten Gefühlen betrachtet werden. Da gibt es einerseits die Schulmedizin (SM), die als etabliert, wissenschaftlich erwiesen und erfolgreich gilt, andererseits die komplementären Heilmethoden, denen schon, im Wortlaut erkenntlich, das Anrecht Medizin zu sein versagt wurde. Im anglo– amerikanischen Raum wird dafür die Bezeichnung CAM (complementary and alternative medicine) verwendet, welche ich bevorzuge. Der komplementären Medizin wird unterstellt wissenschaftlich unbewiesen, unseriös und nur im Placebo Bereich erfolgreich zu sein.
Gleichzeitig, verfolgt man aufmerksam die mediale Berichterstattung, kämpft die SM heute mit den Unterstellungen seelenlos, entindividualisiert und Apparate dominiert zu sein, was wiederum den „sanften Heilmethoden“ zugute kommt.

Gemeinsamkeiten beider Systeme

Zunächst einmal ihre Wurzeln. Beide entspringen schamanistischen Traditionen, in denen Krankheit als Dämon gesehen wird, der über die Menschen hereinbricht und sich an gewissen Körperstellen festsetzt. Erstaunlicherweise finden wir auch in unserer modernen aufgeklärten Gesellschaft noch häufig sprachliche Überreiste wenn wir von unseren Befindlichkeiten sprechen…“die Angst im Nacken, die Wut im Bauch, etwas läuft über die Leber..ect

Geschichte:

Beide Systeme verfolgen einen holistischen Ansatz, der aus kulturellen Gründen mit anderen Formulierungen, nicht aber mit anderen Denkansätzen arbeitet.

Hippokrates

(460 v.Chr) der Begründer der Säfte Lehre, die bis ins 19.Jh als Basis medizinischen Handelns galt, sah : „ Krankheit als Ungleichgewicht der Körpersäfte..“ und Symptome , ..“ als Bestreben  des Körpers krankmachende Substanzen auszustoßen“ .

Die TCM beschreibt Krankheit als Ungleichgewicht der beiden Prinzipien YIN und YANG (Zhou Dynastie ca.1000-700 v.Chr.), Symptome als Kampf des Körpers dieses Gleichgewicht wieder herzustellen.
Der Vorsokratiker Empedokles (490-430 v.Chr) formuliert erstmals die Lehre der „ Vier Elemente“, die Erwähnung der Lehre der „Fünf Elemente “ erfolgte in etwa zur Zeit der Kämpfenden Reiche (476-221 v.Chr) im „Klassiker des gelben Kaisers Huangdi Neijing „.
Beiden Konzepten gemeinsam ist die Zuordnung zu Eigenschaften des Charakters, Tierkreiszeichen, Himmelsrichtungen etc. ( Galen 3.Jh n.Chr.) und der Sichtweise, dass diese Eigenschaften nicht starr, sondern einem Wandel unterliegen, da der Mensch als Mitte zwischen Himmel und Erde sowohl den göttlichen (Himmel/YANG) Einflüssen als auch denen der Natur (Erde/YIN) unterliegt.
Daraus begründet sich der therapeutische Ansatz beider Systeme, der u.a. eine Vielzahl von Ratschlägen zur gesunden Lebensführung beinhaltet sowie zur Kultivierung des Geistes.

Während Empedokles Liebe und Hass als Urkräfte sah, die alle vier Elemente zusammenbringen oder trennen können, beschreibt der Daoistische Klassiker „Liji“( 4.Jh v.Chr) dass sich aus dem polaren Prinzip von Anziehung und Ablehnung, die den fünf Elementen zugeordneten Emotionen entwickeln.

Beide Systeme verfügen über eine hohe Kenntnis pflanzlicher und tierischer Heilsubstanzen, wobei die Einflüsse der arabischen Medizin eine besondere Bereicherung für die Therapie im westlichen Raum darstellt. 
Der Alchimist, Humanist, Arzt und Philosoph Paracelsus (1493-1541) gilt durch seine umfangreiche Kenntnis von Heilmitteln als Urheber der später Biologie genannten Wissenschaft. Seine Heilerfolge galten als legendär, er hinterließ zahlreiche Bücher  u.a. auch zur Behandlung und Heilung von Krankheiten.
Die erste unfassende Materia Medica Chinesischer Heilmittel wurde von Li Shi Zhen (1518-1593) verfasst. Sie dient heute noch als Basis der Phytotherapie (Kräutertherapie) in China.

Erst im 19.Jh trennen sich die Wege von TCM und westlicher Medizin.

Unter dem Einfluss der Aufklärung und des Empirismus formuliert der Zellularpathologe Virchow (1850) seine Auffassung, dass Krankheit in Zellstrukturen zu finden sei, der Weg der Ganzheitlichkeit wird durch immer tieferes Eindringen in Details verlassen. Die Experimentierfreudigkeit und später Grundlagenforschung führte zu einer rasanten Entwicklung der Schulmedizin, von deren Nutzen wir alle profitieren.

Unterschiede beider  Systeme

Schulmedizin

T.C.M.

Behebung von Krankheit

 Förderung der Gesundheit

Behandlung von Symptomen

Behandlung der Wurzel (Ursache)

Angst als Motivation für Vorsorge  

Wohlbefinden als Motivation

Verantwortung im System ( Arzt, Spital)

Eigenverantwortung, Selbstkontrolle

Therapie durch artifizielle Produkte und Technik

Therapie durch Anregung körpereigener Regulationsprozesse

Symptome werden negativ bewertet und sollen rasch behoben werden

Symptome werden als Hinweis verstanden, dass der Körper Hilfe zur Selbstregulation benötigt

kein philosophischer Ansatz

philosophischer Hintergrund

YANG

YIN

Der Mathematiker und Philosoph Bertrand Russel hat seine  Definition vom Verhältnis der beiden Prinzipien YIN und YANG so ausgedrückt.

„YANG ist Dynamik auf Kosten der Harmonie, YIN ist Stagnation auf Kosten des Fortschritts“.